Zwischen Glas und Stahl - Lehm

Manfred Fischer in: Reformatio, Nr.3-2002, Theologischer Verlag Zürich, S. 190 ff

Die „Kapelle der Versöhnung“ wurde am 9. November 2000 eingeweiht, dem 11. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer. Sie steht in Berlin im ehemaligen Todesstreifen - errichtet über den Fundamenten der gesprengten alten Versöhnungskirche. Pastor Fischer erzählt die Geschichte eines unkonventionellen Kirchenbaus und seiner überraschenden Wirkung.

Zerstörung und Spurensicherung
Jahrelang hatte die alte, neogothische Versöhnungskirche einsam im Todesstreifen der Berliner Mauer allen Maßnahmen zur Perfektionierung der Grenzanlagen getrotzt. 1985 wurde sie gesprengt. Wir standen ohnmächtig vor dem Zerstörungswillen des totalitären DDR-Regimes. Hier wurde uns - und den Journalisten, die aus aller Welt herbeigeeilt waren, um den Fall des Kirchturms in Bild und Ton festzuhalten - vor Augen geführt, dass wir nicht verhindern konnten, was wenige Meter vor uns geschah.
Das Bild vom fallenden Kirchturm hat sich uns tief eingeprägt. Aus dem Stadtbild war ein ‚Wahr-Zeichen‘ der Kirche verschwunden. Vier (!) Jahre später war es die Mauer, die fiel. Der Ort war wieder zugänglich. Die Wunde blieb. Nach und nach verschwanden die Mauerspuren. Erst wurde der Stacheldraht ‚eingerollt‘, endlich die Betonelemente abtransportiert. Über die leere Fläche wuchs Gras, durchzogen vom Betonband des einzig verbliebenen Mauerrestes, dem Postenweg.
Aber nach und nach entdeckten wir Relikte der alten Kirche. Zunächst das Abendmahlsgerät und die Taufschale, dann die alte Altarbibel. Die Glocken waren gerettet worden. Der Altar, in Teilen und beschädigt, wurde der Gemeinde zurückgegeben. Schließlich stellten wir fest, dass die Fundamente der alten Kirche noch im Boden erhalten waren.
In dieser Zeit versuchten wir der neuen Lage gerecht zu werden. Wir engagierten uns für ein Bürgerbüro Bürgerbüro e.V. zur Unterstützung von Maueropfern, und für die Erhaltung eines Teils der Mauer als Gedenkstätte Dokumentationszentrum Berliner Mauer.

Wir organisierten im Gemeindehaus Ost-West-Gesprächsrunden, Ausstellungen, Konzerte, ein breit angelegtes Kulturangebot in Kooperation mit Bürgerinitiativen … Wir waren Forum, Markt der Möglichkeiten im überschäumenden Berlin nach der Wende. Doch, was war mit der freien Fläche der gesprengten Kirche? „Wir müssen an den alten Ort zurückkehren“, mitten zwischen die beiden Teile der zerschnittenen Stadt. Das war die eine Position. Die andere: „Was bekommen wir dort, was wir nicht schon haben?“ - in unserem Gemeindezentrum, das 1964 gegenüber der eingemauerten Kirche im Westen errichtet worden war.
Erste Vorschläge - ein ‚City-Kloster‘, eine ‚Blumen-Kirche‘ - erwiesen sich als nicht realisierbar. Aber gaben nicht die aufgefundenen Relikte des Gotteshauses einen Hinweis? Sollten wir nicht an dieser Stelle der Stadt wieder die Sakramente feiern und die Bibel lesen und als Öffentlichkeitsarbeit die Glocken läuten?
1996 fiel der Entscheid für diese Option. Und: es wurde kein multifunktionaler Raum gewünscht, sondern ein Sakralbau. Mit einfachsten und sparsamsten Mitteln sollten die Architekten diese Aufgabe lösen. Die noch erhaltenen Spuren der alten Kirche waren zu bewahren, gemeinsam mit den Spuren der Mauer.

Der Baustoff Lehm
Es sollte vermieden werden, was allenthalben in Berlin geschieht: dass das überkommene Neuem weichen muss oder das Neue nichts als ein Nachbau des Alten ist. Ein Bau im Respekt vor den Spuren, aber ohne Rekonstruktion von Verlorenem wurde ins Auge gefasst.
Bewusst sollte wegen der stark gesunkenen Gemeindegliederzahlen nur eine kleine Kirche, eine Kapelle gebaut werden. Bei der Ausführungsplanung aber entstand der Konflikt: Die Architekten hatten die ‚modernen‘ Materialien Beton und Glas vorgeschlagen. Das akzeptierte die Gemeinde nicht. Sie wollte für ihre Kapelle nicht dieselben Materialien, die bei den Berliner Geschäftsbauten zur Anwendung kommen. Nicht nur in der Form, auch im Material sollte das Besondere sichtbar werden.
Die Kapelle sollte aus Lehm gebaut werden, aus Stampflehm. Die Entscheidung für diesen vergessenen Baustoff hatte viele Gründe: Lehm ist das ‚nahe liegende‘ Baumaterial, 1830 gab es neben dem Kirchengelände eine Lehmgrube. Lehm als gebrannter Ziegel, als roter oder gelber Backstein hat Tradition in Berlin. Es ist der einheimische Baustoff. Lehm kontrastiert mit dem unzerstörbar scheinenden Stahlbeton des ehemaligen Mauerwalls. Er ist verletzlicher, kann leicht beschädigt werden. Dafür ist das Material aber nie gänzlich zerstörbar. Es kann unbegrenzt wiederverwendet werden.
Lehm bedeutete für uns auch ‚Heilerde‘ auf die Wunden der Stadt. Das Auftragen von Lehmpackungen auf die Haut zu Heilzwecken ist bekannt. War hier nicht auch eine Verletzung zu heilen, eine Verletzung an der Erde und an der Seele der Stadt?
Lehm ist die Bauweise mit dem geringsten Energieverbrauch - sowohl bei Herstellung und Transport des Baustoffs als auch bei der Verarbeitung und Bauunterhaltung. Und da wir aus Kostengründen auf eine Heizung verzichten mussten, sollten die klimatischen Eigenschaften des Lehms helfen. Im Winter fühlt sich die Kälte in Lehmbauten deutlich erträglicher an als die gemessene Aussentemperatur.

Die Energie und das Unplanbare
Es war ein Wagnis: Wir verliessen die Komfortnische des Gemeindehauses und setzten uns dem rauhen Klima einer ungeheizten kleinen Kapelle aus. Überraschenderweise kamen mehr Besucher in die Kapelle, auch im Winter, als vorher in unseren gut geheizten Mehrzwecksaal. Was wie Armut aussah und Verlust, erwies sich als Gewinn.Wir haben das Erlebnis der vier Jahreszeiten gewonnen, die Erfahrung, wie schön der Frühling ist, wenn der Winter kalt war. Wir erleben, wie das ganze Kirchenjahr mit seinen Ritualen, Lesungen, Liedern und Speisen oder Fastenzeiten auf das Klima abgestimmt ist. Die sinnliche Seite des Kirchenjahres mit dem Wechsel von kalt und warm, dunkel und hell erschliesst sich kaum, wenn man sich immer nur in gleich temperierten und beleuchteten Räumen aufhält -Wohnung mit Zentralheizung, Auto mit Standheizung, Einkaufscenter klimatisiert unter Glas - und sich nur an den Dekorationen der Mall orientiert bei der Frage: Was ist denn jetzt dran? Weihnachten oder Ostern? Energie als Schlüsselthematik war für uns beim Bau der Kapelle und bei der Materialwahl ein Entscheidungskriterium. Bauen ist Eingreifen in die Schöpfung. Und ein zentraler Punkt in der Schöpfungsdebatte ist die Frage: Wieviel Energie verbrauchen wir? Und: Nutzen wir die Energie konstruktiv, schöpferisch? Bei der Mischung des Lehms für die Kapellenwände wurde ein rauher Zuschlagsstoff benötigt. Es ergab sich, dass wir die gebrochenen Steine der alten Kirche, die beim Aushub für die Gründung zu Tage gefördert wurden, wiederverwenden konnten. Mit destruktiver Energie war eine Kirche zerstört worden, und sie gab uns das Material, das Zerstörte in neuer Form wieder aufzubauen - dank konstruktiver Energie.Diese ‚Energiefrage‘ hat für die Zukunft der Kirche eine entscheidende Bedeutung. Sie hat nichts zu tun mit der Frage, ob wir Heizöl für unsere Kirchen bezahlen können. Vielmehr mit der Frage: Aus welchen Quellen und aus welchen Energien lebt die Kirche Jesu Christi? Wir erlebten die Kraft Gottes, die an uns wirkt und uns in Bewegung bringt, als Energie, die nicht planbar ist. Der Vorgang der Transformation der großen alten Versöhnungskirche in eine kleine einzigartige Kapelle der Versöhnung hing nicht allein von unserm Willen ab, auch wenn es immer wieder menschliche Planung in diesem Prozess gab. Ein Ort, der beladen ist mit negativer Energie der Geschichte des 20. Jahrhunderts verwandelte sich in einen Ort der Stille und des Gebets, nicht weil wir wussten, wie wir bauen wollten. Weil wir die Kapelle aus unserer Vorstellung heraus zu bauen versuchten, entdeckten wir erst, wie wir bauen können. Die verschiedenen „Zufälle“ wurden uns zu Zeichen, die uns weiterführten. Bis hin zur Finanzierung, bis hin zum Namen, den uns die Versöhnungskirche aus dem Jahr 1894 vorgab. Man könnte keinen sinnvolleren Namen finden für die Kapelle und ihre Aufgabe für die Stadt heute.

Besucherströme
Die Glocken werden von Hand geläutet, im freiwilligen Einsatz von Gemeindegliedern. Sie stehen draußen im Freien auf dem Kirchplatz. Dieser zeigt die Umrisse der alten Kirche, die viel größere Ausmaße hatte, als die heutige Kapelle. Das Areal gliedert sich in drei Räume. Besuchende müssen erst den Kirchplatz und den Wandelgang durchschreiten, bis sie in den Kapellenraum eintreten können. Das soll Abstand schaffen vom Lärm und Trubel der Stadt und Besuchende verlangsamen.
Insofern ist die Kapelle keine Kirche der ‚niedrigen Schwelle‘, wenn sie auch tagsüber geöffnet bleibt. Sie hat keinen „easy access“. Die Inhalte der Kirche sind weder „easy“ noch „soft“ noch „fast“. Die Botschaft ist oft hart und schwer verdaulich und wir müssen uns ihr mit Respekt nähern und vor allen Dingen langsam.
Und daher ist es gut, wenn es Vor-Räume gibt und Schwellen. Und trotz dieser Schwellen findet die Kapelle großen Zuspruch. Nicht nur in Architektenkreisen. Täglich halten Touristenbusse vor der Kapelle und bringen neue Besucher, inzwischen über 80 000 im Jahr. Wenn wir die Pforte öffnen, strömen unablässig Leute.
Gemeindekirche und Publikumskapelle stehen in Spannung zueinander. Gäste und Gemeindeglieder haben unterschiedliche Erwartungen an die Mitarbeiter. Aber zuweilen löst sich der Widerspruch auf. Suchende Menschen finden das Gespräch und vielleicht den Glauben wieder, entdecken einen Ort für Trauung oder Taufe, bringen ihre Freunde mit, kehren wieder. Eine neue Gemeinde entsteht jenseits der Parochialgrenzen. Und alte Gemeindeglieder haben Freude daran, im Kapellendienst von ihrer Kirche zu erzählen.
Dass die Gemeinde in den Todesstreifen zurückgekehrt ist und dass die Auseinandersetzung mit der Mauer an dieser Stelle möglich ist, machen die Anziehungskraft des Ortes aus.

Die Gemeinde fand für sich einen Ort und bietet zugleich der Stadt einen Ort, der für ihre Selbstfindung wichtig ist. Zwei Aspekte desselben Prozesses, die sich ergänzen und unsere Gemeinde belebt haben.Hat nicht der Heilige Franz von Assisi etwas ähnliches erfahren? Zunächst folgte er naiv seiner Eingebung: „Stelle meine Kirche wieder her“, und entdeckte im praktischen Vollzug des Wiederaufbaus der kleinen Kapelle in San Damiano, dass dies ein Auftrag war, der viel weiter reichte.
So kann achtsames Handeln, das nicht von Anfang an auf die Wirkung schielt, zum glaubwürdigen Zeichen werden, zu einem Kristallisationskern für Suchende.

In einem Europa, in dem das Christentum „verdampft“, bildet sich da und dort ein religiöses „Feuchtklima“, das, an Kristallisationskernen sich „kondensierend“, erneut christliche Gemeinschaften entstehen lässt.

daten/daten3.txt · Zuletzt geändert: 2007/05/25 10:44 von r.just