Erinnerungsort

Vom Abriss zur Erinnerung

Am 13. August 1998 wurde das Denkmal Berliner Mauer als erster Teil der heutigen Gedenkstätte an der Bernauer Straße eingeweiht. Zusammen mit dem Dokumentationszentrum und der Kapelle der Versöhnung entstanden bis zur Jahrtausendwende künstlerische, dokumentarische und spirituelle Zugänge zum historischen Ort und den Zeugnissen der Vergangenheit. Im August vor 25 Jahren jedoch wagte niemand daran zu denken, dass das Open-Air-Gelände der Gedenkstätte einmal jährlich 750.000 Besucherinnen und Besucher anziehen würde.

Kontroverse Diskussionen um eine adäquate Erinnerung an die Teilung Berlins und ihre Opfer gab es seit Anfang der 1990er Jahre. Bürgerschaftliches Engagement und der Beschluss des Ost-Berliner Magistrats am 2. Oktober 1990, der den über den Sophien-Friedhof verlaufenden Grenzabschnitt unter Denkmalschutz stellte, waren die Basis für den Gedenkort. Monate vorher hatte sich eine Arbeitsgruppe gebildet, die an einem Konzept für den Erhalt von Mauerteilen an der Bernauer Straße arbeitete. Neben Mitarbeitern des Museums für Deutsche Geschichte und des Deutschen Historischen Museums engagierten sich dafür in besonderem Maße Pfarrer Manfred Fischer, sein Mitarbeiter Rainer Just und Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde Versöhnung. In zahlreichen Gesprächen hatten sie die sogenannten Mauerspechte um Einhalt gebeten und Abrissversuche von Baufirmen verhindert.

Der Gedenkort Bernauer Straße entsteht

Kontroverse Diskussionen um eine adäquate Erinnerung an die Teilung Berlins und ihre Opfer gab es seit Anfang der 1990er Jahre. Bürgerschaftliches Engagement und der Beschluss des Ost-Berliner Magistrats am 2. Oktober 1990, der den über den Sophien-Friedhof verlaufenden Grenzabschnitt unter Denkmalschutz stellte, waren die Basis für den Gedenkort. Monate vorher hatte sich eine Arbeitsgruppe gebildet, die an einem Konzept für den Erhalt von Mauerteilen an der Bernauer Straße arbeitete. Neben Mitarbeitern des Museums für Deutsche Geschichte und des Deutschen Historischen Museums engagierten sich dafür in besonderem Maße Pfarrer Manfred Fischer, sein Mitarbeiter Rainer Just und Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde Versöhnung. In zahlreichen Gesprächen hatten sie die sogenannten Mauerspechte um Einhalt gebeten und Abrissversuche von Baufirmen verhindert.

1994 wurde ein Wettbewerb für die Gestaltung eines Denkmals für die Opfer des Mauerbaus und in Erinnerung an die Teilung ausgelobt. Auf Initiative des Berliner Senats und in Zusammenarbeit mit der Versöhnungsgemeinde gründete sich der „Verein Berliner Mauer“ als Trägerverein eines zu errichtenden Dokumentationszentrums. Dieses wurde in Ergänzung des Denkmals – zur Sachinformation und für eine historisch-politische Bildungsarbeit – geplant. Zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls wurde es im Gemeindehaus eröffnet und zur Jahrtausendwende die Kapelle der Versöhnung auf dem ehemaligen Grenzstreifen eingeweiht.

Vom Konzept zur Gedenkstätte

Im Jahr 2006 verabschiedete der Berliner Senat das Gesamtkonzept zur Erinnerung an die Berliner Mauer: dieses sollte die verschiedenen Mauerorte in Berlin vernetzen und stärken. Im Rahmen dessen avancierte das Erinnerungsensemble an der Bernauer Straße zur zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Berlin an die Teilung der Stadt. Seither steigen die Besucherzahlen stetig an und die Gedenkstätte ist ein Hotspot für ein diverses Publikum geworden.

Ein partizipatives Kleinod

Inmitten dieser renommierten Gedenkstätte lebt Kirche. Die Kapelle der Versöhnung liegt auf der Grenze zwischen den Berliner Stadtteilen Wedding und Mitte. Sie ist ein architektonisches Kleinod. Mehrere Hundert Interessierte aus aller Welt besuchen sie täglich. Der puristische Stampflehmbau ist wie die Gedenkstätte das Resultat eines partizipativen Prozesses: klimaneutral, zu zwei Dritteln aus den Bruchstücken der 1985 gesprengten, historischen Versöhnungskirche und auf ihren Fundamenten errichtet.

Der kleine Kapellenbau ist das spirituelle Zentrum der Gedenkstätte. In einem Spannungsfeld, geprägt von Teilung und Unerreichbarkeit, agieren die haupt- und ehrenamtlichen Akteure der kirchlichen Bildungsarbeit am Erinnerungsort. In großer Zahl engagieren sich auch Menschen ohne eine formale Kirchenzugehörigkeit, die sich aber der Kapelle, ihren Aufgaben und Möglichkeiten angesichts besonderer Öffentlichkeit verbunden fühlen. Die Kapelle ist zugleich Teil der Erinnerungskultur und Ort lebendiger Versöhnung: Sowohl anlässlich der offiziellen Gedenktage und Jubiläen zum 13. August und 9. November, als auch in den Gottesdiensten, oder den täglichen Andachten, in denen an die Biographie eines Toten an der Berlin Mauer erinnert wird, hören die zahlreichen Besuchergruppen von Versöhnung im Schatten der Mauer und dem Wirken der Weddinger Kirchengemeinde.

Spirituelle Formate und Rituale, die über den Rahmen einer Führung oder eines Workshops hinausgehen, schaffen Verbundenheit mit der Vergangenheit, den Schicksalen der Menschen und mit den Möglichkeiten für die Gegenwart. Kirchliche Bildungsarbeit am Erinnerungsort Bernauer Straße wurzelt in Gedenken und Erinnerung. Aus direktem, spirituellem Erleben und durch persönliche Begegnungen kann Sensibilisierung erwachsen für historische und gesellschaftliche Zusammenhänge von Mauern, Flucht und Ausgrenzung.
Dafür bedarf es geöffneter Türen und Offenheit in jedwedem Sinne und mit Schritten auf die Gäste und Interessierten zu. Sie ermöglichen Begegnungen und fruchtbare Bildungsarbeit, die Grenzen überwindet und nachhaltig wirkt.
Diese Verbindung von kirchlichem Erinnerungsort und einer lebendigen Gemeinschaft von Menschen als ihr Träger ist einzigartig und unterscheidet sich von allen anderen kirchlichen Gedenkorten, die in der Bundesrepublik als Teil von Gedenkstätten existieren. Für die Arbeit des Kirchenkreises Berlin-Nordost gehört diese Konstellation von Öffentlichkeit und der kirchlichen Erinnerungsarbeit zu seinem Selbstverständnis.

Esther Schabow, Kunsthistorikerin, Referentin für Erinnerungsarbeit, Kultur und Öffentlichkeit an der Kapelle der Versöhnung